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Gleis führt "in die Köpfe"


Quelle: Nordkurier/Strelitzer Zeitung 11.11.2013
Autorin: Susanne Böhm


Gleis führt "in die Köpfe"


Sie dürfen nicht vergessen werden. An 40 Menschen aus Altstrelitz, die von den Nationalsozialisten ermordet oder in den Tod getrieben wurden, erinnert jetzt eine Stele mit einer Eisenbahnschiene.
Wie von einem Messer zerstochen. Ein Klotz aus Stahl, in dem ein Eisenbahngleis steckt, erinnert an das grausame Schicksal von 40 Männern und Frauen aus Neustrelitz, die von den Nationalsozialisten ermordet oder in den Tod getrieben wurden

Die Stele in der Neubrandenburger Straße im Stadtteil Altstrelitz wurde am 10. November enthüllt. Sie ist ein Denkmal für Minna Ries, die 1943 nach Auschwitz deportiert wurde, für Gustav Pommer, der 1937 den Freitod wählte, für Benno Grünfeldt, der 1938 im Gefängnis von Altstrelitz eingesperrt wurde, und für weitere Menschen, die den antisemitischen Terror im Deutschen Reich nicht überlebten. Wetterbeständig, gegen alle Stürme gefeit, werden ihre Namen noch in hundert Jahren an den Völkermord erinnern. "Jede Inschrift steht für eine menschliche Tragödie, erinnert an unsere ermordeten Mitbürger aus Altstrelitz", sagte Ernst Dörffel von der Initiativgruppe "Sie waren unsere Nachbarn". Die Gruppe hatte dafür gesorgt, dass die Stele angefertigt und aufgestellt wurde. Sponsoren aus Neustrelitz und ganz Deutschland ermöglichten das zwei Meter hohe Mahnmal: "Wir denken an die Opfer fanatischer Menschenverachtung. Und wir wollen mahnen, damit derartige Gewalt nicht wieder geduldet wird", so Ernst Dörffel. Zunächst hatte die Initiative Stolpersteine verlegen lassen wollen- beschriftete Messingplatten vor den Häusern, in denen die Opfer der Nationalsozialisten wohnten. 18 solcher Stolpersteine wurden in den vergangenen Jahren in Neustrelitz in den Boden gelassen. Doch in Altstrelitz stehen die Häuser nicht mehr. Der Stadtteil war fast völlig zerstört, viele Straßenzüge sind beim Wiederaufbau verändert worden. Darum erinnert nun die Stele an die Altstrelitzer Opfer. Die Schiene ist ein Symbol für die Deportation per Güterwaggon. Sie steht neben dem Gedenkstein für die älteste Synagoge Mecklenburgs, die in der Reichspogromnacht 1938 von den Nazis zerstört wurde. "Altstrelitz mit seinen vielen Manufakturen war Zentrum jüdischen Lebens", berichtet Ernst Dörffel. "Um 1800 war jeder vierte Einwohner jüdischer Herkunft. 1817 wurde eine jüdische Schule gegründet. 1933 begann der antisemitische Boykott, 1946 lebten noch zwei jüdische Bürger in Altstrelitz.